Trauernde Eltern: Auf das Warum gibt es keine Antwort

 
Trauernde Eltern: Auf das Warum gibt es keine Antwort

Auf das Warum gibt es keine Antwort

14. April 2004 "So groß müßte sie jetzt sein. So könnte ihr Lachen geklungen haben." Wenn Gabriele Pohl heute den Nachbarskindern beim Spielen zuschaut, denkt sie an Annina. Ein kerngesundes Kind ist sie gewesen, bis sie eines Morgens im Januar plötzlich hohes Fieber bekam. Zwei Tage später starb Annina im Alter von dreieinhalb Jahren an den Folgen einer schweren Infektion. An die Wochen, Monate nach dem Tod ihrer Tochter kann sich Gabriele Pohl noch genau erinnern. "Ich war wie erstarrt, ohne Kraft. Jede kleinste Anstrengung war Schwerstarbeit."

Wenn ein junger Mensch aus dem Leben scheidet, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. In Deutschland sterben jährlich rund 22000 Kinder und Jugendliche an Krankheiten, bei Unfällen oder durch Freitod. In der Rhein-Main-Region sind es um die 400. Zurück bleiben Verzweiflung, Trauer, eine tiefe Leere und die zermürbende Frage "Warum gerade ich? Warum gerade mein Kind?" Hinzu kommt häufig die Sehnsucht, dem Sohn oder der Tochter nachfolgen zu wollen, um wieder bei ihnen zu sein."

Das sind vollkommen normale Reaktionen", weiß Dieter Steuer, Vorsitzender des Vereins "Trauernde Eltern Rhein-Main". Manchmal genüge es, den Betroffenen zu versichern, daß es selbstverständlich sei, sich "die Decke über den Kopf ziehen zu wollen". Daß das Verlangen nach Isolation ebenso zu den Symptomen vorübergehender Trauer gehöre wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche und das Gefühl, in ein tiefes Nichts zu fallen. Diese Gewißheit reiche für einige Eltern aus, um ihre Trauer ohne Unterstützung von außen zu verarbeiten. Doch die meisten schaffen dies nicht.

Auch Gabriele Pohl hat zunächst versucht, allein mit dem Tod ihrer Tochter zurechtzukommen. Zwar hatte sie der Oberarzt kurz nach Anninas Tod bereits auf die "Trauernden Eltern" aufmerksam gemacht, doch bis sie zum ersten Mal eine Veranstaltung des Vereins besuchte, verging fast ein Jahr. Einige Eltern warten noch länger, bis sie Hilfsangebote annehmen, berichtet Steuer: "Wir erleben immer wieder Menschen, deren Geschwister oder Kinder vor 20 Jahren gestorben sind und die nun erst merken, sie schaffen das nicht alleine." Im Alltag gelinge es ihnen zwar, den Verlust zunächst zu kompensieren. Bei Streß oder einem weiteren Todesfall rissen die alten Wunden dann aber wieder auf. Überwinden könne man den Schmerz nie, "aber man kann lernen, damit zu leben und nicht davon überflutet zu werden".

"Dem Leben wieder ein Lächeln schenken" - das war sein Ziel, als er 1997 den Verein "Trauernder Eltern" mitbegründete. Drei Jahre nach dem Tod seines Sohnes Tim. Der bittere Verlust gab dem Kriminalbeamten den entscheidenen Impuls, sich in der Trauerbegleitung und -therapie zu engagieren. Er ließ sich zum Psychotherapeuten ausbilden, eröffnete eine eigene Praxis und übernahm 1998 den Vorsitz des Vereins. Seitdem bietet er zusammen mit neun Mitarbeitern, darunter Theologen, Psychologen und Pädagogen, Gesprächsgruppen, Seminare und Einzelberatungen an. Ausgerichtet wird das Angebot an den Bedürfnissen der Betroffenen. Zwei lesen Sie weiter




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