Annäherung und Vermeidung
Neben dem Lust-Unlustsystem gibt es im Gehirn ein Annäherungs- und ein Vermeidungssystem. Die beiden neuronalen Systeme können unabhängig voneinander aktiviert werden, interagieren jedoch auch zur gegenseitigen Hemmung. Zum Annäherungs-Vermeidungssystem gehören, was nach der bisherigen Darlegung nicht überraschend ist, der dorsolaterale und der ventromediale präfrontale Cortex (PFC). Der linke dorsolaterale PFC repräsentiert Annäherungsziele, der rechte Vermeidungsziele; der linke ventromediale PFC generiert positive, der rechte negative Emotionen. Weiter gehören auch Teile des posterioren Cortex dazu sowie die Amygdalla, das Cingulum, der Hypothalamus und das sympathische Nervensystem. Die deutlich abgrenzbare Funktionsweise des Annäherungs- sowie des Vermeidungssystems von den Bewertungsfunktionen und der Lust-Frust-Regulierung spricht dafür, sich von einer alten psychologischen Ansicht zu verabschieden, wonach Annäherung die Verhaltenstendenz für Lust und Vermeidung die Verhaltenstendenz für Schmerz (Frust) sei. Annäherung und Vermeidung gelten für andere motivationale Systeme ebenso. Eine Tendenz, positive oder negative Emotionen bevorzugt zu entwickeln, ist vermutlich angeboren, die Gene hierfür scheinen additive wirksam zu werden, d.h. es gibt "kritische Gene" und deren Effekte summieren sich. Für die Tendenz zu positiven Emotionen sind nicht so sehr Gene, als bestimmte Gensequenzen verantwortlich. Extravertierte sind empfänglicher für Belohnungen und lassen sich leichter im positive Stimmung versetzen; emotional Labilere reagieren stärker auf Bestrafungen und geraten leichter in eine negative Stimmung. dieser Sachverhalt ist aus der Persönlichkeitsforschung länger schon bekannt. Fazit: Es gibt eine genetische Ausstattung, die zu negativen Emotionen disponiert und eine neuronale Grundlage, die das Verhalten bevorzugt auf Hemmung und Vermeidung ausrichtet. Kinder, die so ausgestattet auf die Welt kommen, brauchen ein deutlich mehr an empathischer, gut abgestimmter positiver Zuwendung, entwickeln sich dadurch aber nicht nur unauffällig, sondern höchst positiv.


