Weiter hat man so etwas wie einen »Schaltkreis emotional-kognitiver Regulierung« gefunden, dessen wichtigste Regionen der PFC, die Amygdala und das rostrale anteriore Cingulum sind. Ein Areal des PFC, der anteriore cingulate Cortex (ACC) enthält eine besondere Art von Nervenzellen, die in den Gehirnen anderer Säugetiere fehlen, wobei der menschliche Frontallappen weiter die meisten Zellen enthält. Der hohe Anteil dieser Zellen könnte zusammenhängen mit der Evolution der Sprache, des Selbstbewußtseins und der Kontrolle der Gefühle, d.h. mit der Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme, zu der auch die Feinmotorik in Kehle und Mund sowie die Stimmbänder gebraucht werden. Der ACC ist immer hochaktiv, wenn etwas schief geht im Leben, wenn schwierige Entscheidungen zu treffen sind, ja sogar wenn es vorauszuahnen gilt, dass Schwierigkeiten bevorstehen. Funktionell betrachtet gibt es eine affektive Unterregion, die starke Verbindungen zum limbischen System aufweist und eine kognitive Unterregion mit engen Verbindungen zum übrigen PFC. Dieses ganze Netzwerk, das für die Modulation von Emotionen und von Kognitionen zuständig ist, ist immer hochaktiv, wenn innere Abläufe nicht zusammenpassen, wenn also Gefühle, Handlungsentwürfe und Wahrnehmungen irgendwie unstimmig sind, einander ausschließen oder Gegensätze beinhalten. Ein weiterer, eher dorso-lateraler Anteil dieses Netzwerks aktiviert die Verbindungen zu Hippocampus und Amygdalla, die wichtig für das Abspeichern von Gedächtnisinhalten mit emotionaler Tönung sind (biografisches Gedächtnis).
Viele der Befunde, die an depressiven Menschen erhobenen worden sind, stimmen darin überein, dass die dynamische Ausbalancierung zwischen den Hirnarealen mit Überaktivierung und denen mit Unteraktivierung beträchtlich gestört ist. Nach der erst wenige Jahre jungen Theorie über das neuronale »Netzwerk der Depression« besteht diese Dysregulierung zwischen den evolutionsgeschichtlich neueren Arealen, die unteraktiviert sind und den evolutionsgeschichtlich älteren Arealen, die überaktiviert sind. Zu den unteraktivierten gehören der dorsolaterale und präfrontale Cortex und das dorsale anteriore Cingulum sowie das posteriore Cingulum. Zu den überaktivierten zählendie Hippocampus-Amygdala-Region, die Inselregion (Schmerzen!), das subgenuale Cingulum und Teile des Hypothalamus. Für das Ausbalancieren scheint das rostrale anteriore Cingulum eine entscheidende Funktion zu besitzen, jene Region also, die zum »Schaltkreis emotional-kognitiver Regulierung« gehört. Die Befunde zeigen eine dysfunktionale Aktivierung bei der Verarbeitung emotionaler Abläufe, eine Verminderung des Blutflusses in dieser Schlüsselregion, eine Verminderung der grauen Substanz und eine geringere glutamaterge Neurotransmission. Ist diese Region kaum aktiviert, so besteht auch keine Konfliktwahrnehmung mehr und die Aufforderungen aus der Umwelt werden nicht mehr in mit den eigenen Fähigkeiten und Wünschen verglichen. Dieser apathische und desinteressierte Zustand ist typisch für eine starke depressive Verstimmung.
Die Amygdala hingegen ist, was nach dem bereits über die Angst Gesagten nicht überraschen wird, geradezu chronisch überaktiviert, zeigt eine erhöhte Stoffwechselaktivität und ist oftmals sogar vergrößert. Sie ist deshalb auch durch leichte situative Reize schnell zu aktivieren und könnte daran beteiligt sein, dass Depressive so stark mit dunklen Gedanken beschäftigt sind. Demgegenüber ist der Hippocampus nicht unbedingt immer unteraktiviert, aber bei Patienten mit starker Depression um 9 bis 19% geschrumpft. Diese Volumenverminderung ist ein gesichterter Befund. Einige Forscher vermuten, dass das die Folge von langanhaltendem Stress ist, was die oben genannte Stress-Diathese-Hypothese nahelegt. Ein dauerhaft zu hoher Cortisolspiegel korrelliert hoch mit einem reduzierten Hippocampusvolumen. Aus Tierstudien ist bekannt, dass sich dort neue Neuronen bilden, wenn die Tiere nur lange genug in einer Umgebung mit positiven Anreizen leben. Da der Hippocampus wichtige Funktionen für das Gedächtnis hat, wird verständlich warum Depressive oft über Gedächtnisstörungen klagen. Es ist durchaus möglich, dass der Hippocampus vor Ausbruch einer Depressions schon zu klein war, aber er kann auch als Folge einer anhaltenden Depression klein werden. Eine der wichtigen Funktionen des Hippocampus ist die Abstimmung des Verhaltens auf Umgebungsveränderungen, was natürlich nur durch Rückgriff auf Gedächtnisinhalte geht. Situationsunangemessene Emotionen sind indes bei Angststörungen und Depressionen häufig zu finden. Neure Befunde weisen darauf hin, dass kein Absterben der Neuronen im Hippocampus stattfindet, jedoch die Glutamat-Transmitter-Aktivität verringert ist, nicht jedoch die von Noradrenalin und Acetylcholin.
Doch diese Veränderungen können rückgängig gemacht werden, das ist die gute Botschaft. Dazu verhelfen zum Teil Psychopharmaka, nachhaltiger jedoch helfen gelingende Psychotherapien. So wurde beispielsweise gezeigt, dass Kognitive Therapie weiter einen messbaren Einfluss hat und zur Normalisierung der physiologischen Prozesse und der anatomischen Veränderungen führt! Das Gehirn ist nämlich ein viel flexibleres Organ als früher angenommen worden ist, es lebt nicht nur von der stofflichen Zufuhr allein, sondern mit der Welt und verändert sich durch Interaktionen mit der Umgebung.
(übernommen mit schriftlicher Genehmigung von:http://www.wopalm.de)


