Ganz ohne Schokolade?
Das Leben als Lokalkritiker ist mit Diabetes zwar nicht unbedingt ein Lercherl. Unmöglich aber auch nicht, meint Florian Holzer.In den diabetischen Jubel- und Motivationspostillen liest man immer wieder von Menschen, die trotz Diabetes den hohen Berg erklommen, die heiße Wüste durchradelt haben. Ja eh, wer einen Hang zu solchen Grenzerfahrungen hat, der lässt sich durch die Tatsache, dass er seinen Blutzuckerspiegel ständig im Griff haben muss, von so etwas wahrscheinlich auch nicht abbringen. Jeder, wie er meint. Als weitaus unmöglicher gilt dagegen die Vorstellung, dass man als Diabetiker Restaurantkritiker ist, und dieses Unvermögen hat meist zwei Ursachen: Erstens weil man gemeinhin denkt, dass Diabetiker nichts essen dürfen, und zweitens, weil man gemeinhin denkt, dass Restaurantkritiker ununterbrochen essen müssen. Nun, beides ist Unsinn, sowohl darf/muss man sich als Diabetiker einigermaßen normal ernähren, als auch bleibt ja die Speisung eines Fress-Kritikers ebenfalls durchwegs im Rahmen der Normalität (zumindest quantitativ). Also: no problem.
Klar gibt es Tücken und Hindernisse. Rausgeschmissen wurde ich aus einem Lokal aber erst ein einziges Mal, weil man meine hypoglykämische Reaktion (zu niederer Blutzucker) für schwere Trunkenheit gehalten hat. Und dass man mich für einen Alkoholiker hält, da sich bei mir Schweißausbrüche, Zittern und Lallen durch ein Gläschen Trockenbeerenauslese relativ rasch beheben lassen, muss ich berufsbedingt ohnehin akzeptieren.
Manchmal ist es halt ein bisschen schwieriger. In Italien zum Beispiel, wo Mamme zu weinen beginnen, wenn man nicht den ganzen wunderbaren Nudelberg mit herzzerreißend gutem Wildschwein-Sugo aufessen kann. Weil die darin enthaltenen Kohlehydratmengen bei mir für eine ganze Woche reichen - aber das zu erklären, kann ich nicht gut genug Italienisch. Oder in Spanien, wo mittags erst um halb vier und abends überhaupt erst am nächsten Tag gegessen wird, was einem Diabetiker mit nachgerade bürokratischer Insulineinstellung dann schon ein wenig zu schaffen macht. Oder beim Asiaten, wo die Zunge gern von vielerlei fremdartigen Saucen umspielt wird, ü ber deren Zuckergehalt man sich erst Gedanken macht, wenn abends das Blutzuckermessgerät den Trauermarsch spielt.
Aber sonst: Bei der so genannten "hohen Küche" ist es fast schon schwer, auf die Kohlehydratdosis zu kommen, weil Beilagen da ja höchstens als Zitat vorhanden sind; um ein Dessert beurteilen zu können, reicht ein Löffelchen eigentlich auch; na ja, und bei Grenadiermarsch, Kässpätzle und der goldgelben, nach Muskat duftenden Semmelfülle des Kapauns muss man sich halt irgendwie im Griff haben. Ein typischer Fall von Verdrängung und Realitätsverweigerung, sagen mir Hobbypsychologen; dass ich, dem schon als Kind im Gasthaus der Reis mit der Briefwaage abgewogen wurde, später ja zwangsläufig Lokalkritiker werden musste, spotten die anderen. Wie auch immer, Genuss zu empfinden und ihn zu vermitteln ist ein hohes Gut, davon bin ich überzeugt.


