so genannten Antikörper zu blockieren, damit es die Nervenfasern nicht mehr am Wachstum hindern kann. In unzähligen Experimenten mit Ratten und Mäusen gelang dies: Schwabs Gruppe konnte zeigen, dass man die Regeneration der Nervenfasern durch eine Blockierung des Nogo-Stoppsignals tatsächlich wieder anregen kann.

Für die am Affenexperiment beteiligten Forscher ist es daher nicht überraschend, dass die Tests mit dem Nogo-Antikörper bei den Makaken so gut funktionierten. «Wir machten diesen Schritt ganz bewusst erst dann, als die Erfolgschancen sehr gross waren», sagt Schwab. «Wir wissen nun genau, warum es funktioniert.» Als Ort der Rückenmarkverletzung wählten die Forscher um Rouiller und Schwab den siebten Halswirbel. «Das ist klinisch sehr relevant», sagt Schwab, «Verletzungen im sechsten und siebten Halswirbel sind am häufigsten.» Als Folge des Eingriffs konnten die Äffchen eine Hand und ein Bein nicht mehr bewegen. Das Bein erholte sich bei allen Affen spontan wieder, weil sich im unteren Teil des Rückenmarks eine Art «Schrittmacher» befindet, der die Bewegungen der Beine unabhängig vom Hirn steuern kann. Rouillers Team richtete daher alle Aufmerksamkeit auf die Hand. Und sie konnten Erstaunliches beobachten: Nur zwei Monate nach der Operation meisterten die beiden mit Nogo-Antikörper behandelten Äffchen mit der teilweise gelähmten Hand wieder schwierige feinmotorische Aufgaben: etwa das Fangen eines Futterbällchens, wie ein von Rouiller gezeigtes Video demonstriert. Zum Vergleich: Die nur mit einem Scheinmedikament behandelten Äffchen scheiterten bei der gleichen Aufgabe kläglich.

Kann man ähnliche Erfolge auch bei den geplanten klinischen Versuchen mit Menschen erwarten? «Eine komplette Heilung wird es nicht geben», sagt Schwab. Trotzdem glaubt der Hirnforscher, dass die Behandlung viel erreichen kann. Vor allem bei Patienten mit einer schweren Verletzung, die alle vier Extremitäten lähmt und möglicherweise auch die Atmung betrifft. «Die Hoffnung ist, dass solche Patienten wieder selbstständig atmen, Schulter und Hände bewegen und auch wieder selber stehen können», sagt Schwab. An den ersten klinischen Tests sollen daher vorerst nur Patienten mit einer schweren, aber nicht kompletten Durchtrennung des Rückenmarks teilnehmen. «Christopher Reeve wäre ein idealer Kandidat gewesen», sagt Schwab. Geplant ist, dass spätestens eine Woche nach der Querschnittlähmung den Patienten eine Pumpe implantiert wird, die die verletzte Stelle mit Nogo-Antikörpern versorgen wird. Novartis entwickelt derzeit die dafür nötigen Antikörper. Die Anti-Nogo-Strategie ist aber bei weitem nicht die einzige im Kampf gegen Rückenmarkverletzungen. Weltweit tüfteln etliche Forschergruppen und Pharmafirmen an Methoden, um verletzte Nervenfasern wieder zu heilen:

Zellen aus dem peripheren Nervensystem oder diverse Stammzellen sollen helfen, grössere Verletzungen als eine Art Brücke zu überwinden. Bereits laufen in Australien und Peking erste klinische Versuche. Das Bakterienenzym Chondroitinase ABC kann Vernarbungen an der verletzten Stelle auflösen und dadurch das Wachstum der Nervenfasern erleichtern. Schwab testet derzeit das Enzym in Kombination mit den Nogo-Antikörpern. Das Blutaufbaupräparat EPO schützt Nervenzellen. In Italien läuft bereits ein erster klinischer Versuch mit vier Patienten; Resultate liegen noch keine vor. Die beiden Unternehmen Aventis und Acorda testen Substanzen, die die Leitfähigkeit der verletzten Nervenkabel verbessern sollen. Beide Firmen haben ihre Substanzen in Phase-II-Tests.
(übernommen mit schriftlicher Genehmigung von:http://www.habluetzel.com)




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