Folterkammer Kinderzimmer
Es gibt Eltern, die ihre Kinder quälen, misshandeln und töten. Doch lässt es sich irgendwie begründen, dass es sich hierbei nicht um extreme Einzelerscheinungen, sondern um die Spitze eines Eisbergs handelt? Um Taten, zu denen wir alle imstande wären oder in denen wir unsere tiefsten Instinkte wieder entdecken können? Viele Menschen scheinen inzwischen zu glauben, wir lebten in einer Zeit, in der Kinder einer zunehmenden Gefahr durch ihre eigenen Eltern ausgesetzt sind. Die Familie, die einst als Ort des Schutzes und der Geborgenheit galt (und oft sogar als eine stets heile Welt verklärt wurde), ist – zumindest in der abstrakten, medial vermittelten Wahrnehmung – zur größten Gefahrenquelle für Kinder avanciert.Die Vorstellung, Eltern könnten ihren Kindern niemals ein Leid zufügen, ist ebenso irrational wie die, alle Eltern seien zu den schlimmsten Straftaten fähig oder unzählige Kinder seien in ihren Familien bedroht. Letzteres scheint mir jedoch derzeit bei Weitem das größere Problem, da derlei Ideen durch eine Kombination unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte an Virulenz gewonnen haben. Es ist eine Art Eigendynamik entstanden, die in den Ruf nach mehr allgemeinen Kontrollen, Gesetzen und staatlichen Zwängen mündet. Zudem werden – dies mag zunächst widersprüchlich erscheinen und ist doch nur ein anderer Ausdruck des gleichen Problems – die außergewöhnlich brutalen Straftaten Einzelner ungewollt relativiert, indem sie uns als nachvollziehbare Beispiele elterlichen Handelns präsentiert werden. Beide Phänomene, die Behauptung, schlimmste Misshandlungen gehörten zum Alltag in deutschen Familien, wie der fast verständnisvolle Ton, der häufig bei der Beschreibung der Täterinnen angeschlagen wird, sind charakteristisch für eine gesellschaftliche Diskussion, die in Sachen Kinderschutz längst den Boden der Rationalität verlassen hat.
Misstrauenskultur
Als Reaktion auf die in den letzten Monaten bekannt gewordenen Fälle grober Vernachlässigung mit Todesfolge – allen voran der Fall des siebenjährigen Mädchens in Hamburg, das in der Wohnung ihrer Eltern verhungerte – wurde von verschiedenen Seiten der Ruf nach weiteren Schutzmaßnahmen für gefährdete Kinder laut. An oberster Stelle steht die Forderung nach einer verpflichtenden ärztlichen Vorsorgeuntersuchung („Wenn Eltern den Termin verpassen, kommt der Sozialarbeiter“). Doch während diese Maßnahme keine Garantie für den Schutz von Kindern vor Vernachlässigung oder Missbrauch darstellt, eignet sie sich hervorragend für das Befördern von Misstrauen. Ausgehend vom Schlimmsten und Schlechtesten werden Rückschlüsse auf den Rest der Gesellschaft gezogen, und es wird die Botschaft verbreitet, Eltern stellten eine Gefahr für ihre Kinder dar. Eine medizinische Untersuchung erhält den Charakter eines Gerichtsurteils, bei der Eltern vom Generalverdacht der Vernachlässigung oder der Misshandlung ihrer Kinder freigesprochen werden müssen. Immer neue Forderungen sind zu hören: So möchte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte statt der bislang zehn Checks vierzehn ärztliche Untersuchungen, da ansonsten bei den Dreijährigen eine Kontrolle fehle. Andere geben zu bedenken, die quälenden Eltern wüssten genau, wann sie ihre Kinder vorzeigbar halten müssten, notwendig seien daher unangekündigte Untersuchungen.Wenn es um Kinder geht, scheint es kaum mehr Hemmungen bei der Intervention in Familien zu geben. Um einen Vergleich zu bemühen: In den vergangenen Jahren gab es vermehrt Meldungen, wonach einzelne ältere und kranke Personen von Pflegern oder Schwestern misshandelt bzw. sogar getötet worden seien. Nach Bekanntwerden dieser Ereignisse wurden dennoch, glücklicherweise, nicht alle Krankenschwestern als potenzielle Altenquäler betrachtet. Trotz einiger Ansätze, die in diese Richtung zielen, gilt der Pflegeberuf nach wie vor als ein helfender, bei dem das Wohl der Kranken und Alten im Mittelpunkt steht. Geht es aber um Kinder, so der breite Konsens, kann man schließlich nicht vorsichtig genug sein.


