Fibromyalgie — Schmerzverarbeitung außer Kontrolle
Sie fühlen sich ausgesprochen krank. Der gesamte Bewegungsapparat schmerzt. Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen und Depressionen bestimmen den Alltag. Die Rede ist nicht von „eingebildeten Kranken“. Es geht um schätzungsweise eineinhalb Millionen Fibromyalgie-Patienten, überwiegend Frauen, die mit einer weitgehend unbekannten Erkrankung die Wartezimmer verschiedener Facharztpraxen füllen. Sie sind im Durchschnitt sehr geduldig. Denn sie warten oft bis zu zehn Jahre auf eine Diagnose.Die Gründe für diesen unbefriedigenden Zustand sind in der Krankheit selbst zu suchen: Starke Schmerzen der Muskulatur und der Sehnenansätze treten großflächig auf. Die Patienten haben häufig das Gefühl, die Weichteile seien geschwollen. Kleine Verdichtungen des Unterhautfettgewebes werden als schmerzhafte Knötchen empfunden. Dabei finden sich keine typischen Laborwerte und keine Veränderungen im Röntgenbild. Körperliche Aktivitäten, Krankengymnastik und Massage verstärken oft die Symptome. Medizinern, die mit dem Krankheitsbild nicht vertraut sind, fällt die Diagnose deshalb schwer.
Die Fibromyalgie ist eine nichtentzündliche, weichteilrheumatische Erkrankung, die generalisierte Schmerzen des Bewegungsapparates verursacht. Die Diagnose wird durch die typische Krankengeschichte und die körperliche Untersuchung gestellt.
Die Schmerzen ernst nehmen
Patienten mit Fibromyalgie haben meist bereits in der Vorgeschichte chronische Schmerzen des Bewegungssystems, z. B. durch einen Bandscheibenvorfall oder ein Schleudertrauma. Zur Fibromyalgie werden die Beschwerden, wenn sich der Schmerz dann verselbständigt und nicht mehr nur lokal, sondern am ganzen Körper verspürt wird. Häufig kommt es bei den Patienten zu Änderungen der Regelsysteme der Schmerzempfindung im Gehirn. Manche Botenstoffe, die Schmerzen vermitteln, sind im Gehirn weniger, andere vermehrt vorhanden. Es ist aber nicht ganz klar, ob die Fibromyalgie diese Veränderung bewirkt, oder ob die Erkrankung erst durch die Änderungen im „Schmerzstoffwechsel“ hervorgerufen wird. Sicher ist: Die Schmerzen sind echt und nicht eingebildet.Bei der körperlichen Untersuchung finden sich charakteristische, sehr schmerzhafte Druckpunkte, die tender points. Sie liegen im Brust- und Nackenbereich, sowie in den Armbeugen, der Hüfte, den Oberschenkeln und Knien. Diese Druckpunkte sind der wesentliche Hinweis auf die Erkrankung. Typisch für die Erkrankung ist, dass klassische Behandlungsverfahren wie Krankengymnastik und Massage überwiegend wirkungslos sind. Ein einheitliches Behandlungskonzept gibt es nicht, es muss aus dem therapeutischen Angebot individuell zusammengestellt werden. Am erfolgreichsten sind kombinierte Therapien aus psychosomatischer Behandlung und physikalischen Anwendungen (Wärme- oder Kältebehandlungen, Elektrotherapien). Die größte Bedeutung in der medikamentösen Therapie hat der Einsatz von Antidepressiva, die bei etwa jedem dritten Patienten erfolgreich sind.
Obwohl die Fibromyalgie niemals zur Zerstörung oder zu Funktionseinschränkungen von Gelenken führt, ist die Prognose für die Besserung der Symptome schlecht: Ist die Erkrankung erst einmal chronisch, sind die Heilungschancen gering. Patienten, die häufig oder andauernd unter Schmerzen leiden, sollten deshalb dringend einen Arzt, am besten einen Schmerztherapeuten, aufsuchen. Chronische Schmerzen sind nicht nur schwerer zu behandeln. Sie können vermutlich Fibromyalgie begünstigen und dadurch die Therapieoptionen deutlich verringern.


