Drogen: Psychiatrische Notfälle

 
Drogen: Psychiatrische NotfälleZun Begriff der Parasuizidalität: Es handelt sich um einen Notbehelf zur Erklärung des Phänomens der Drogentoten, der bislang kaum erforscht ist. Es stehen sich zwei Positionen gegenüber: die Suizidthese, die eine bewußte Tötungsabsicht und die Unfallthese, die eine fehlende Übersicht bezüglich Reinheit des Heroins unterstellt. Zur Untermauerung der zweiten Hypothese dienen Untersuchungen von Asservaten zum Reinheitsgehalt des Heroins. Dieser schwankt zu allen Zeiten erheblich und birgt dadurch Risiken der falschen Dosierung. In der Bochumer Studien gelang es jedoch nicht, systematische Beziehungen zwischen dem zeitlichen Verlauf von Reinheitsschwankungen und Drogennot- bzw. -todesfällen nachzuweisen. Es zeigte sich dort lediglich, daß die durchschnittliche Reiheit des Heroins über die Zeit abnahm. Für die zweite Hypothese sind Beobachtungen über psychiatrische Notfälle aufschlußreich. Unter den Persönlichkeitsstörungen gemäß der internationalen Klassifikation der Diagnosen (IDC) sind es besonders zwei, die häufig in der psychiatrischen Notfallambulanz auffallen. Dies sind:
  • die histrionische Persönlichkeitsstörung: Sie ist gekennzeichnet durch theatralisches Auftreten mit übertriebenem Gefühlsausdruck, eine leichte Beeinflußbarkeit durch andere mit oberflächlich-labiler Affektivität, Selbstbezogenheit und ständiges Verlangen nach Anerkennung, Kränkbarkeit und andauernd manipulatives Verhalten zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Ältere Bezeichnungen sind: infantile oder hysterische Persönlichkeitsstörung.
  • die Borderline- oder auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Sie ist gekennzeichnet durch eine Instabilität bezüglich des Selbstbildes (eine andauernde Identitätsstörung), der zwischenmenschlicher Beziehung und Stimmung. Dazu gehört Störungen wie Angst, Phobien und Konversionssymptome. Von Bedeutung sind auch selbstschädigende Handlungen und der Verlust der Impulskontrolle. Auffällig ferner Suchttendenzen mit ohnmächtige Wut gegen sich selbst, pseudohalluzinatorische Erlebnisse sowie Depressivität oder andere kurzfristige psychotische Dekompensationen.
Das Gespräch mit diesen Patienten ist dementsprechend oft sehr schwierig. Sie können ihre Beschwerden nicht präzise schildern. Auffallend sind heftige emotionale Schwankungen. Extreme Angst steht dabei meist im Vordergrund und ist eine der häufigsten Auslöser von Notfallsituationen. Die Gesprächsführung soll von Sympathie und Empathie getragen und auf ordnende Strukturierung hin angelegt sein. Nach Medikamentenabhängigkeit, Suicidgedanken und -tendenzen muß gefahndet werden. Solche Patienten können sich auch wegen ihrer hohen Impulsivität suizidieren, ohne daß ein Motiv erkennbar wird. In erster Linie muß eine ärztliche Beurteilung der Notfallsituation durch einen Psychiater erfolgen. Der nimmt eine Hospitalisierung vor, wenn
  • der Patient auf führende Maßnahmen und medikamentöse Therapie nicht anspricht,
  • Suizidalität vorliegt,
  • die äußere Lebenssituation völlig chaotisch ist.
Es gibt vier Problemkonstellationen, nach denen sich die medikamentöse Therapie richtet: Dysphorie, Angst und Desorganisiertheit, extreme Impulsivität und emotionale Labilität. Tranquilizer wie Lorazepam (Tavor) und Diazepam sind Mittel der ersten Wahl, müssen jedoch wegen ihres hohen Suchtpotentials sehr bald durch geeignete Substanzen wie beispielsweise Atosil ersetzt werden.




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