Gestalttherapie: Bewertungen führen oft zu zusätzlichen Schwierigkeiten.
Wer kennt das nicht?: Man hat etwas versucht, das einem wichtig war, vielleicht hat man sogar besonderen Mut aufgebracht oder sich besonders bemüht – und ist gescheitert. Schlimm genug. Aber jetzt geht es erst richtig los; ein selbstzerstörerisches Selbstgespräch beginnt: "Du bringst es wirklich überhaupt nicht, du Versager. Du bist einfach unfähig. Schau dir doch die anderen an, die können alles viel besser. Oder stehen drüber. Nur du kriegst das nie hin. Wahrscheinlich lacht jeder heimlich über dich, du Null!"Eine große Zahl meiner KlientInnen betreibt zu Beginn der Therapie eine solche oder eine ähnliche Selbstquälerei. Manche tun das nicht nur in Form von Selbstgesprächen, sondern bestrafen sich auch in Form von Handlungen, die für sie selbst seelisch und körperlich schmerzhaft sind. Natürlich leiden sie sehr darunter, und die Selbstquälerei wird zu einem zentralen Inhalt ihrer Beschäftigung mit sich selbst. Wenn wir uns da hindurchgearbeitet haben und die Selbstquälerei aufhört, sind sie verständlicherweise zunächst sehr erleichtert. Nicht nur, weil sie in einem wichtigen Punkt, nämlich der Selbstquälerei, weitergekommen sind, sondern auch, weil nun endlich die Schmerzen nachlassen, die sie sich mit ihren negativen Selbstbewertungen verursacht haben.
Aber jetzt gibt es oft eine Überraschung: Das ursprüngliche Problem, an dem sie trotz ihrer Anstrengungen gescheitert waren und das den Anlass für all die negativen Bewertungen geliefert hatte – dieses Problem besteht nach wie vor, daran hat sich noch gar nichts verändert. Die Beschäftigung mit der Selbstquälerei war zwar notwendig, weil sie selbst ein Problem darstellt, wenn man sie einmal praktiziert. Aber zur Lösung des ursprünglichen Problems hat sie nichts beigetragen; im Gegenteil, sie hat eher davon abgelenkt. Jetzt steht man wieder vor der alten, unbefriedigenden Situation, und alles, was hier getan werden muss, bleibt nach wie vor zu tun.
Die Entdeckung drängt sich auf: Wenn man sich für die Schwierigkeiten, die man hat, negativ bewertet, sich Vorwürfe macht oder sich abkanzelt, trägt man nichts zur Lösung der Schwierigkeiten bei. Man schafft vielmehr ein neues Problem, das Aufmerksamkeit und Energie in Anspruch nimmt und einen von der Beschäftigung mit dem abhält, womit man eigentlich zu tun hat. Danach steht man dann doch wieder da, wo man mit den Bewertungen begonnen hat. Es ist, als würde man, nachdem man an der Überwindung einer Hürde gescheitert ist, davor einen Graben ausheben, der dann zunächst wieder zugeschüttet werden muss, bevor man sich von Neuem daran machen kann, die Hürde zu überwinden.


