Gestalttherapie: Freundliche Aufmerksamkeit hilft.

 
Gestalttherapie: Freundliche Aufmerksamkeit hilft.Als ich oben von den negativen Selbstbewertungen geschrieben habe, ging es in gewisser Weise um das Gegenteil dessen, was ich mit "freundlicher Aufmerksamkeit" meine. Denn bei ihr handelt es sich darum, sich selbst oder einem anderen Menschen eine Art von Beachtung zu schenken, die nichts mit Kritik, Mäkelei oder Bewertung zu tun hat. Freundliche Aufmerksamkeit ist ein sorgfältiges, geduldiges und selbstvertrauensvolles, mit Bewusstheit erfülltes Nachspüren und -horchen, mit dem man sein inneres Erleben oder das seines Gegenübers wohlwollend begleiten kann.

Für manche meiner KlientInnen ist es eine völlig neue Erfahrung, in ihrer Therapie von einem anderen Menschen mit freundlicher Aufmerksamkeit betrachtet (nicht beobachtet) zu werden – von einem Menschen, der ihnen auf diese Weise zu verstehen gibt, dass sie sein dürfen und nichts tun müssen. Sie spüren, wie gut ihnen das tut und dass manches sich allein dadurch zum Besseren wendet, dass es ins warme, helle Licht des freundlichen Erkanntwerdens getaucht wird.

Manchmal wird einem Klienten dabei schmerzlich bewusst, wie wenig er selbst in der Lage ist, sich mit freundlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Man könnte fast sagen, dass eine der größten Hürden in jeder Therapie überwunden ist, wenn dem Klienten das mehrheitlich gelingt. Ist er erst einmal an diesem Punkt angelangt, macht er meist eine Entdeckung von großer Tragweite: Es zeigt sich dann nämlich, dass viele Schwierigkeiten, die er mit sich selbst hatte, sich in dem Moment schon verändern, in dem er ihnen und den mit ihnen verbundenen Empfindungen seine freundliche Aufmerksamkeit schenkt.

Das Wissen, dass freundliche Aufmerksamkeit für das eigene Erleben – auch, wenn sich dieses zunächst vielleicht unangenehm anfühlt – einem Menschen dabei hilft, sich zu verändern, ist eine der theoretischen Grundlagen der Gestalttherapie.

Sie ist sehr einfach zu formulieren, was natürlich nicht heißt, dass es einfach sei, nach ihr zu leben. Sie besagt: "Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist." Aber wie wird man, was man ist? Gar nicht, man ist es schon. Es kommt darauf an, das mit freundlicher Aufmerksamkeit zu entdecken.




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