Gestalttherapie: Wahrnehmungen unterscheiden sich wesentlich von Gedanken und Phantasien.

 
Gestalttherapie: Wahrnehmungen unterscheiden sich wesentlich von Gedanken und Phantasien."Na klar, das ist doch nicht der Rede wert", wird vielleicht der eine oder andere denken, "Was ist denn das für eine neue Entdeckung?" Und sie bzw. er hat in gewissem Sinne recht, denn theoretisch können die meisten Menschen Wahrnehmungen von Gedanken und Phantasien unterscheiden. Im alltäglichen Leben sieht es dann aber oft anders aus. Ein Beispiel: Ein Mann tritt morgens aus seinem Haus und trifft seinen Nachbarn. Der grüßt ihn mit mürrischer Miene. Der Mann denkt: "Mein Nachbar ist sauer auf mich. Dabei habe ich ihm doch gar nichts getan. Das ist eine ziemliche Unverschämtheit. Ich weiß gar nicht, was dem blöden Typ einfällt. Dem helfe ich in Zukunft nicht mehr." Was der Mann mit seinen Augen wahrgenommen hat, war der Gesichtsausdruck seines Nachbarn. Und gedacht hat er sich, dass der Nachbar auf ihn sauer sei.

Man kann sich leicht vorstellen, was aus der Beziehung zwischen den beiden wird, wenn der Mann nicht genau zwischen dem unterscheiden kann, was er wahrnimmt, und dem, was er denkt. Denn Wahrnehmungen sind einigermaßen zuverlässig: Dass der Nachbar an jedem Morgen mürrisch dreinblickte, wird dieser, wenn er ehrlich ist, vermutlich selbst zugeben (– auch wenn er vielleicht ein anderes Wort zur Beschreibung seines Gesichtsausdrucks verwendet). Was aber der Grund für seine Miene war, wie er sich fühlte, womit sein Ausdruck zusammenhing, wofür sein Ausdruck Ausdruck war – über all das kann der Mann nur spekulieren, und es gibt eine unbegrenzte Zahl von hypothetischen Möglichkeiten. Wenn der Mann nun die Hypothese, die er in seinen Gedanken über den Nachbarn bildet, für genauso zuverlässig hält wie seine Wahrnehmung von dessen Gesichtsausdruck, ist seine Irrtumswahrscheinlichkeit recht hoch. Und von daher ist auch die Gefahr recht groß, dass er unangemessen auf seinen Nachbarn reagiert, was ihm später vielleicht leid tut und einige Anstrengungen zur Bereinigung der Angelegenheit notwendig macht.

Meine KlientInnen entdecken oft, dass ein Teil der Schwierigkeiten, die sie sich mit sich und anderen einhandeln, dadurch zu Stande kommt, dass sie nicht genau zwischen dem unterscheiden, was sie wahrnehmen und daher einigermaßen zuverlässig wissen, und dem, was sie denken und was daher nur hypothetischen Charakter hat. Je mehr sie das eine von dem anderen in ihrem Alltag unterscheiden können, desto leichter fällt es ihnen, mit ihm klarzukommen.




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