Scham, Selbstabwertung und Gedankenabläufe
Die Scham, die zur Selbstkritik überleitet, ist ein rückbezüglicher, verschachtelter Gefühlsablauf, der durch einen überzogenen Kontrollanspruch ausgelöst wird. Die Scham tritt auf, weil etwas nach außen dringt, das anspruchsgemäß innerhalb der Grenzen der eigenen Kontrolle bleiben sollte, und weil man weiß, dass die Umstehenden dies bemerken oder bemerken können. Manche Betroffene wollen unbedingt die körperliche Erregung in den Griff bekommen, um zu verhindern, dass die Röte ins Gesicht steigt und die Schweißperlen auf den Händen erscheinen. Doch das erweist sich zum kritischen Zeitpunkt als illusorisch, denn dazu hätte man etwa 10 Jahre lang buddhistische Meditationstechniken einüben müssen. Die physiologischen Reaktionen, die man nun mal nicht im Griff hat, werden sie als weithin erkennbare Zeichen einer Blamage, eines Versagens oder einer Niederlage gewertet. Diese "Niederlage" löst einen inneren Prozess negativer Selbstbewertung aus, der nahtlos übergeht in einen Strom sorgenvoller Gedanken darüber, wie einem die anderen sehen, was sie über einem denken und wie sie einem bewerten. Manchmal treten solche Gedanken so massiv auf, dass sie zu Gewissheiten werden, obwohl die darin steckenden Behauptungen niemals überprüft worden sind.Nach wiederholten schamhaften Selbsterfahrungen baut sich auf, mit einer starken Erwartung über eine kommende negative soziale Bewertung. Sie zieht bei manchen Betroffenen eine geradezu zwanghafte Aufmerksamkeit auf die eigenen körperlichen Reaktionen nach sich. Gleichzeitig werden die tatsächlichen sozialen Interaktionen kaum oder verzerrt wahrgenommen und das Denken ist manchmal nur noch darauf eingeschränkt, eine Technik zu finden, mit der man sich einigermaßen unbemerkt durch die vermeintlich kritische Situation manöverieren kann ("Sicherheitsverhalten"). Genau dieses "Sicherheitsverhalten", beispielsweise Ausreden, die eine Flucht vorbereiten , ist aus der Sicht anderer oft völlig unangemessen. So kommt es, dass dann der merkwürdige Abgang aus der Situation das ist, was den anderen auffällt, und nicht die physiologische Reaktion des Betroffen.


