Glutamatsynapsen und Pyramidenzellen werden geschädigt. Als Folge des überhöhten Cortisolspiegels beginnen noradrenerge Nervenendungen zu verkümmern und auch die Dopaminausschüttung wird reduziert. Dadurch werden bereits gebildete neuronale Erregungsmuster geschädigt und bereits erlernte Verhaltensweisen abgeschwächt. Der Hippocampus, der beim Neuerlernen umgebungsbezogenen Verhaltens eine wichtige Rolle spielt, befindet sich im funktionseingeschränkten Zustand; die Amygdalla hingegen, über die die klassische Konditionierung und die Sensibilisierung läuft, ist im dauerhaft hochaktivierten Zustand. Es wird also "gelernt" - leider aber das, was mit Angst einhergeht, und zwar mit Erwartungsangst. Nicht gelernt und teilweise verlernt wird umgebungsbezogenes Bewältigungsverhalten. Zum verhaltenshemmenden System, das bei langanhaltender Bedrohung aktiviert wird, gehören noch das Septum und Teile des limbischen Systems. Verbindungen bestehen zum rechten, präfrontalen Cortex, wo negative Emotionen und Vermeidungsverhalten prozessiert werden. Außerdem spielt die Größe des ventromedialen PFC eine Rolle bei der Beeinflussung der Amygdalla. Je größer er ist, desto mehr kann er die Erregung der Amygdalla bremsen.

Es liegt nun nahe, im unkontrollierbaren Stress einen grundsätzlichen Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Störungen zu sehen, und zwar nicht nur im Erwachsenenalter, sondern im Kinder- und Kleinkinder-, ja im Babyalter. Es kommt der zur Ausprägung einer dauerhaft erhöhten Angstbereitschaft. Diese entwicklungsgeschichtlich negative Grundlage ist ein Wegbereiter der Depression, was mit den mehrfach erhobenen Befunden übereinstimmt, wonach Angststörungen häufig den Depressionen vorausgehen. Zentraler psychologischer Erklärungsfaktor für die schädlichen Auswirkungen von chronischem Stress ist der Verlust von Kontrolle, d.h. der Verlust der Erwartung oder der Hoffnung durch eigenes Verhalten positive Veränderungen herbeiführen zu können. Was diesen Kontrollverlust vorbereitet und wie es schließlich zu ihm kommt, ist indes noch nicht geklärt.

Wie so oft in der Forschung findet man, wenn man das Geschlecht als zusätzlich Variable einführt, mehr oder weniger große Unterschiede. So scheint chronischer Stress bei Frauen zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall zu führen, bei Männern indes steigt das Risiko für solche Erkrankungen als Folge von depressiven Verstimmungen!
(übernommen mit schriftlicher Genehmigung von:http://www.wopalm.de)




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